Frühlingszeit ist auch Heuschnupfenzeit
TCM Ernährungsberatungen in der Abteilung für Traditionelle Chinesische Medizin im Johanniterkrankenhaus in Radevormwald
Der Frühling ist eine Zeit des Neuanfangs und des Wachstums. In der Natur lässt sich das gut beobachten: Überall sprießt es neu aus der Erde, neue Blätter werden gebildet, es „grünt“ allerorten und in der Tierwelt steht der Nachwuchs im Vordergrund.
Die Chinesen haben durch Beobachtungen in der Natur vor langer Zeit ein umfassendes Denkmodell entwickelt: das System der fünf Wandlungsphasen. Bei uns ist die Bezeichnung „Theorie der fünf Elemente“ gebräuchlicher und bekannter. Dieses theoretische System befasst sich mit allen Prozessen im Universum. In der traditionellen chinesischen Medizin (kurz “TCM“) kommt es auch heute zur praktischen Anwendung. Die TCM bietet bei uns eine ganzheitliche Heilkunde mit mehreren „Säulen“ an: Akupunktur, Kräuterkunde, Massagen, Bewegungsübungen wie Qi Gong und Tai Chi und die chinesische Diätetik.
Der Mensch mit seinen körperlichen und seelisch-geistigen Aspekten ist in der Theorie der fünf Elemente genauso beschrieben wie zum Beispiel die Jahreszeiten, Farben, klimatischen Einflüsse, Lebensabschnitte und Nahrungsmittel. Kurzum: Alle Phänomene um uns und in uns lassen sich den fünf Elementen zuordnen. Neben der Theorie der fünf Elemente kommt in der TCM auch das YIN YANG Denkmodell zur Anwendung.
In der Ernährungsberatung nach der TCM spielen die Jahreszeiten mit ihren klimatischen Einflüssen genauso eine Rolle wie die Konstitution eines Patienten, seine körperliche und seelisch-geistige Verfassung (Kondition), seine Ernährungsgewohnheiten und seine Alltagsbelastungen.
Die Zeit des Frühlings wird dem Element „Holz“ zugeordnet. Auf den Menschen bezogen heißt das, dass in diesem Zeitraum besonders das „Qi“ unterstützt und bewegt werden muss. Der Begriff „Qi“ lässt sich am besten mit „Lebensenergie“ übersetzen, wir brauchen es für alle aktiven Vorgänge in unserem Körper sowie für jeden Substanzaufbau.
Besonders in der Winterzeit kommt es in unseren Breiten oft durch eine Überfrachtung mit Essen (zum Beispiel zu viel Fleisch oder Süßigkeiten, zu viele Milchprodukte) und Getränken (zum Beispiel zuckerhaltige Limonaden). Resorptionsstörungen sind die Folge. In der TCM spricht man von einer Ansammlung von „Schleim“ oder „Feuchtigkeit“ im Körper. Die Stressbelastungen spielen ebenso eine Rolle wie Emotionen und das Denken. Die Lebensenergie oder das „Qi“ muss in unserem Körper frei zirkulieren können, damit alle Organsysteme gut versorgt werden. Zuviel Feuchtigkeit oder Schleim kann den freien Fluss des Qi entscheidend einschränken oder blockieren. Je nachdem in welchem Organsystem sich eine Störung manifestiert, spricht man in der TCM zum Beispiel von „Feuchter Hitze in der Leber“ mit zum Beispiel folgenden Symptomen: Unverträglichkeit von Fett, Zucker, Alkohol; Völlegefühl, Aufstoßen, seitlicher Kopfschmerz mit Übelkeit. Eine andere Problematik nennt man „Feuchte Kälte im Dickdarm“ mit Symptomen wie Trägheitsgefühl, Übelkeit, breiiger Stuhl, Candidapilz-Problematik. Andererseits kann das Qi blockiert sein und man hat einen „Leber-Qi-Stau“ mit den Symptomen: Blockierung des Zwerchfells (man kann nicht tief atmen), schlechte Laune, deprimiert sein, Kloßgefühl im Hals. Diese drei Problematiken sind recht häufig bei uns. Ganz wichtig: In der TCM bezeichnet man mit dem Namen eines Organs immer ein System oder einen Funktionskreis, der über das anatomische Organ hinaus geht. Es sind zum Beispiel immer noch ein Körpergewebe und bestimmte Energieleitbahnen, auch Meridiane genannt, dazugehörig. Diese werden zum Beispiel bei der Akupunktur genadelt. Das Organsystem der Lunge umfasst beispielsweise die Lunge und die Haut. Ursächlich können jetzt verschiedene Störungen in Betracht kommen. Man versucht in der Diätetik normalerweise in der Therapie die „Wurzel“ zu behandeln und nicht die „Zweige“, das heißt, man geht den Ursachen auf den Grund. Beispiel: Liegt ursächlich von Geburt an eine Schwäche des Organsystems der Nieren vor oder haben die Nieren genug Energie und der Verdauungstrakt ist einfach überfrachtet worden und überlastet? Entscheidend für die Therapie ist ferner, ob der Patient aus einem Mangel heraus die Symptome entwickelt hat oder ob er wirklich an einem Übermaß leidet. Im ersten Fall wird man vordergründig nähren und stärken, im zweiten Fall eine ausleitende Therapie empfehlen. Ganz wichtig für die Therapie ist es auch, ob Hitze- oder Kältemuster vorliegen. Hierbei spielt auch die Konstitution eine Rolle. Jeder kennt Menschen, die schnell frieren oder Menschen, denen immer schnell zu warm ist. Die Behandlung muss darauf abgestimmt werden. Nahrungsmittel gelten in der chinesischen Heilkunde als erste Heilmittel. Der Ernährungstherapie wurde in China traditionell eine große Bedeutung beigemessen. Dies wurde zum einen als Gesundheitsvorsorge gesehen. Zum anderen gilt: Was nützt eine Heiltherapie, wenn der Patient über seine gewohnte Ernährung das Krankheitsgeschehen weiterhin negativ beeinflusst? Auch heute kann man die Ernährungstherapie gut begleitend zu anderen Therapiemaßnahmen nutzen.
Gerade im Frühjahr sind häufige Themen bei der TCM-Ernährungsberatung: Allergien und auch allgemeine Energielosigkeit, Abgeschlagenheit gepaart mit verschiedenen Verdauungsstörungen und psychischem Unwohlsein. In der traditionellen chinesischen Medizin gibt es den Begriff Allergie nicht.
In der TCM-Praxis werden Allergien, wie zum Beispiel Heuschnupfen, in der Regel in erster Linie mit Akupunktur und Kräutermedizin behandelt. Hier empfiehlt sich, als Begleittherapie auf die Ernährung zu schauen. Heutzutage entwickeln viele Menschen oft erst im Erwachsenenalter Allergien oder sogenannte Pseudoallergien. Ein auslösender Faktor kann eine falsche Ernährung in Kombination mit schlechten Lebensgewohnheiten sein. Nach chinesischer Heilkunde handelt es sich bei Heuschnupfen um eine Problematik, die hauptsächlich gewisse Funktionskreise im Körper betrifft.
Hierzu gehört der Funktionskreis der Nieren, der sogenannte „YANG MING“, wozu der Magen-Dickdarmbereich gehört. Der Funktionskreis der Lunge und der sogenannte „TAI YANG“, hierzu gehört der Funktionskreis der Blase und des Dünndarms. Heuschnupfen ist ein Geschehen, das sehr stark unser Gesicht betrifft (Nase, Augen). Hier gibt es Meridianverbindungen zu einzelnen Organfunktionskreisen. Über die Ernährung kann man Organfunktionskreise stärken, Blockaden lösen und die Körperausscheidungen verbessern. Zum Beispiel kann man mit Hafer die Nierenenergie stützen und aufbauen. Den „YANG MING“, den Magen-Dickdarmbereich, kann man sehr gut mit unseren Winterkohlarten stärken. Wenn zu viele denaturierte Nahrungsmittel wie Weißmehlprodukte und Zuckerhaltiges auf dem Speisezettel stehen, kann nicht genügend Qi im Körper aufgebaut werden. Genügend Qi wird aber gerade bei allergischen Geschehen benötigt. Auch zu viel Kaffee kann hier sehr schaden, er stimuliert nach chinesischer Meinung das Qi, aber baut es nicht auf. Das Lungensystem hat unter anderem die Aufgabe, unsere „Schutzenergie“ an der Körperoberfläche (Haut) zu verteilen. Verschiedene Reissorten wie Rundkorn- oder Süßreis als Vollkornreis können hier hilfreich sein, ebenso wie Vertreter der Rettichfamilie als Garnitur wie zum Beispiel Radieschen und Holundersaft. Ist nicht genug Energie vorhanden, kann nicht genügend davon aufgebaut werden, wir werden möglicherweise anfällig für Infekte. Viele Heuschnupfenkranke kennen einen „fließenden“ Übergang von zunächst einfachen Erkältungen im Frühjahr in das Allergische hinein. Der Blase-Dünndarmbereich „TAI YANG“ ist nach chinesischer Meinung unter anderem dafür zuständig, unsere Schutzenergie zirkulieren zu lassen. Somit muss hier das Qi richtig fließen, es darf nicht blockiert sein. Dieser Funktionsbereich ist von einer genügenden Wärmekraft der Nierenenergie abhängig. Die Blase kann nur dann richtig ausscheiden. Dies ist wichtig für allergische Geschehen. Grüne Kürbiskerne oder Kürbiskernöl und Buschbohnen können hier zum Beispiel unterstützen.
Der bei uns im Westen geprägte Begriff „Immunität“ hat mit den oben genannten Funktionskreisen zu tun. Der psychosomatische Bereich spielt oftmals auch eine nicht geringe Rolle bei diesen Geschehnissen. Ein in unseren Breiten recht häufiger Fall ist da eine Störung besonders im Leber-Gallebereich. Wir kennen das aus Sprichwörtern wie "Dir ist wohl eine Laus über die Leber gelaufen.“ oder „Dem läuft gleich die Galle über.“. Wie gehen wir mit Stress um, wann werden wir ärgerlich oder aggressiv? Können wir uns wieder richtig entspannen? Die häufig begleitend auftretende Bindehautentzündung korrespondiert in der chinesischen Heilkunde mit diesem Bereich ebenso wie die emotionalen Belastungen. Da ist in erster Linie nicht nur die Ernährung gefragt, sondern das betrifft auch unsere Alltagsgestaltung.
Aus chinesischer Sicht kann man versuchen, allergischen Beschwerden, die erst im Erwachsenenalter entwickelt werden, vorzubeugen, indem man gerade über die Ernährung und Lebensgewohnheiten einen bestmöglichen Schutz dagegen aufbaut. Wenn Heuschnupfen schon vorhanden ist, ist es gut, diesen positiv zu beeinflussen. Aus einem Heuschnupfen kann sich allergisches Asthma entwickeln, oder es können Hautprobleme, wie Juckreiz oder Ausschläge hinzukommen.
Kommt ein Patient zur Ernährungsberatung, wird immer individuell nach Symptomen bzw. Syndromen geschaut und danach eine Ernährungstherapie vorgeschlagen. Neben der Wahl und Zubereitung des Essens spielen auch die Getränke und der Einsatz von Gewürzen und Kräutern als Beigabe eine Rolle.
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