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Der Jung-Stilling-Weg in unserer Stadt ist die einzig verbliebene Erinnerung an einen Mann, der acht Jahre seine Lebens in Radevormwald bzw. Kräwinklerbrücke verbracht hat. Auch gab es dort ein Haus, das seinen Beinamen trug. Es musste jedoch dem Bau der Wuppertalsperre weichen und wurde Dank einer privaten Initiative nach Kürten verlagert, wo es wieder aufgebaut wurde.
Wer war denn nun dieser Jung-Stilling? Er wurde am 12. September 1740 in Grund bei Hilchenbach an der Sieg als Johann Heinrich Jung geboren; den Namen ”Stilling” legte er sich später selber zu. Mit 22 Jahren startete er eine Rundreise durch das Bergische Land, die entscheidend sein sollte für sein späteres Leben.
Nach einem dreimonatigen Aufenthalt bei Schneidermeister Becker am Radevormwalder Marktplatz führte ihn der Weg 1763 nach Kräwinklerbrücke, wo er beim Hammerwerkbesitzer Johann Flender eine Anstellung als Hauslehrer annahm. Doch auch als eine Art Geschäftsführer war er nebenbei tätig. Der Fabrikant Flender gehörte zum Kreise der Pietisten und Erweckten, bei denen Jung-Stilling ein geistiges Zuhause fand. Er schrieb über sich selbst: ”Eine unbekannte Kraft durchdrang meine Seele und ich fühlte eine unüberwindbare Neigung, ganz für die Ehre Gottes und das Wohl meiner Mitmenschen zu leben und zu sterben.”
So reiste er 1770 von Kräwinklerbrücke nach Straßburg, wo er ein Medizinstudium aufnahm. Hier lernte er auch den Jurastudenten Goethe kennen und beide freundeten sich an. Nach Beendigung des Studiums ließ sich Jung-Stilling in Elberfeld als Augenarzt nieder und erwarb sich einen guten Ruf, da er an die 2000 Staroperationen durchführte. Später zog es ihn dann wieder in den Süden, wo er an verschiedenen Universitäten lehrte.
Doch Heinrich Jung-Stilling war nicht nur als Augenarzt berühmt, sondern machte sich auch einen Namen als Schriftsteller und Dichter. Den Start hierzu hatte er seinem Freund Goethe zu verdanken, der 1777 ohne Wissen von Jung-Stilling eine Autobiographie unter dem Titel ”Heinrich Stillings Jugend – eine wahrhafte Geschichte” veröffentlichen ließ. Dieses Werk wurde zu seinem größten Erfolg, an den seine weiteren Romane nicht mehr anknüpfen konnten.
Als Heinrich Jung-Stilling in Karlsruhe von dem großen Stadtbrand in Radevormwald im Jahr 1802 hörte, erinnerte er sich wohl an diese Station seines Lebens. Denn er rief in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift ”Der graue Mann” zu einer Sammlung auf, die 1.500 Thaler erbrachte. Diese schickte er für den Wiederaufbau unserer Stadt nach Radevormwald.
Zwei Jahre vor seinem Tod am 2. April 1817 brach die Freundschaft zwischen ihm und Goethe auseinander, der über ihn folgende Spottzeilen schrieb: ”Der weisen Frauen gibt's genug für ächte Weiberkenner; doch sage mir mein lieber Jung, wo sind die weisen Männer?”

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